Digitale Nachhaltigkeit ist auf die Langlebigkeit digitaler Artefakte durch technologische Unabhängigkeit und die Nutzung quelloffener Standards und Software ausgerichtet, damit auch zukünftige Generationen auf digital gespeichertes Wissen samt den zugehörigen Daten zugreifen und es frei nutzen können. Das inkludiert auch Datenhoheit und dafür muss man sich auf Alternativen zum Mainstream einlassen wollen.
Der Begriff Nachhaltigkeit impliziert im Sinne des Brundtland-Berichts von 1987 die Forderung nach einer gesamtheitlichen Verhaltensänderung dahingehend, dass die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren und das derzeitige und künftige Potenzial vergrößern, menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Aufbauend auf dieser Forderung wurde ein Konzept für die digitale Nachhaltigkeit entwickelt, das besagt, dass auch das Wissen für den Fortbestand der Menschheit wichtig ist und deshalb als schützenswerte Ressource behandelt werden sollte. Denn obwohl digitales Wissen in Form von Daten und Software beliebig genutzt und vervielfältigt werden könnte, behindern restriktive Lizenzen oder technische Sperren dessen Potenzial für die Gesellschaft, so Matthias Stürmer in seinem Beitrag über Digitale Gemeingüter für die Wissensgesellschaft der Zukunft.
Zehn Kriterien für digitale Nachhaltigkeit
In einer wissenschaftlichen Publikation über Digital sustainability: basic conditions for sustainable digital artifacts and their ecosystems aus 2016 wird argumentiert, dass neben natürlichen Ressourcen auch digitale Artefakte – also digitale Informationen und digital gespeichertes Wissen – samt den zugehörigen Ökosystemen, wie beispielsweise Geräte bzw. Hardware, Software und Betriebssysteme als Ressourcen betrachtet werden sollten, die ebenfalls nachhaltig sein müssen. Damit kann ein wesentlicher Beitrag zur Nachhaltigkeit im ganzheitlichen Sinn geleistet werden. Um das erreichen zu können, werden zehn Voraussetzungen bzw. Kriterien für die digitale Nachhaltigkeit beschrieben. Zentrale Elemente sind dabei vollständig offengelegte Quellcodes für Software und Dateiformate, die mit offenen Standards öffentlich nachvollziehbar dokumentiert sind. Auch die angewendeten Lizenzmodelle müssen es erlauben, dass digitale Artefakte völlig frei verwendet, verändert und weitergegeben werden dürfen, damit faire Daten- und Zugangsbedingungen geschaffen werden können. An mehreren Beispielen wie Linux und Wikipedia wird verdeutlicht, wie digitale Nachhaltigkeit umgesetzt werden kann.
Diese zehn Kriterien lesen sich ähnlich, wie die SDG’s der Vereinten Nationen, bloß halt für digitale Artefakte und deren Ökosysteme. Und eines wird bei diesem Zusammenhang sofort deutlich: Die SDG’s, also die siebzehn Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen lassen sich ohne digitale Nachhaltigkeit nicht erreichen. Denn beispielsweise sind für nachhaltige Städte und Gemeinden (elftes Ziel) entsprechende Digitalisierungsmaßnahmen notwendig. Würde man dabei auf proprietäre Software und Dateiformate, anstelle von Open Source und offenen Dateiformaten setzen, dann würde das beispielsweise Gemeinden mit geringerem Budget davon ausschließen, den Zugang zu den erzeugten Daten für nachfolgende Generationen eventuell erschweren und somit den zehn Kriterien für digitale Nachhaltigkeit nicht entsprechen. Es bedarf also zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele jedenfalls auch der Einbeziehung von digitaler Nachhaltigkeit.
Aus den zehn Kriterien für digitale Nachhaltigkeit lassen sich – wie bereits erwähnt – als wesentliche Element die Nutzung von öffentlich dokumentierten, offenen Dateiformaten und von Open-Source-Anwendungen ableiten. Zudem erscheint mir in diesem Zusammenhang das File-over-App-Prinzip von Bedeutung. Denn beim Erstellen von nachhaltigen digitalen Artefakten, die also von Dauer sein sollen, muss darauf geachtet werden, dass man sie in Formaten erstellt, die öffentlich zugänglich und langfristig lesbar sind. Das beinhaltet zwar bereits die Forderung nach offenen Dateiformaten per se, aber es ist auch wichtig, dass diese Dateiformate von verschiedenen Anwendungen und zwar unabhängig von Plattformen oder Betriebssystemen gelesen und bearbeitet werden können. Denn digital nachhaltige Dateien sind wichtiger, als die Apps, mit denen sie erstellt, bearbeitet oder gelesen werden können. Das beste Beispiel dafür ist das reine Textformat, das so alt ist, wie die Computer selbst und nach wie vor mit einfachen Texteditoren erstellt, bearbeitet und gelesen werden kann.
Holistischer Ansatz für digitalen Nachhaltigkeit
Im Wesentlichen beinhaltet das Konzept der digitalen Nachhaltigkeit also einen bewussten und langfristig orientierten Umgang mit digitalen Wissensgütern, wie Daten und Software samt deren Ökosystemen, sodass ihr Nutzen auch für zukünftige Generationen erhalten bleibt. Aus ganzheitlicher Sicht ist das Einbeziehen der dafür notwendigen Infrastruktur unbedingt notwendig, sodass die digitale Nachhaltigkeit die langfristig verantwortungsvolle Produktion, Nutzung und Wiederverwendung von digitalen Wissens‑ und Infrastruktur‑Gütern umfasst, samt den damit verbundenen Umwelt‑, Sozial‑ und Wirtschaftsaspekten. Somit sind neben offenen Dateiformaten nach dem File-over-App-Prinzip und plattformunabhängigen Open-Source-Anwendungen, sowie fairen Daten‑ und Zugangsstrategien auch beispielsweise energieeffiziente und kreislaufgerechte Hardware Bestandteil der digitalen Nachhaltigkeit.
Noch etwas weiter gefasst, baut digitale Nachhaltigkeit auf digitaler Souveränität auf. Das bedeutet technologische Unabhängigkeit von digitalen Ökosystemen, die ihre Nutzer quasi in einer Art goldenen Käfig einsperren. Sei es durch proprietäre Software und Datenformate, oder ähnliche Lock-in-Effekte. Die digitale Souveränität beinhaltet neben der technologischen Unabhängigkeit also auch die eigene Datenhoheit.
Säulenmodell der digitalen Nachhaltigkeit
In Anlehnung an das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit lässt sich die digitale Nachhaltigkeit in einem Vier-Säulen-Modell darstellen. Die vier Säulen in diesem Gedankenmodell sind offene Dateiformate, Open-Source-Anwendungen, faire Daten- und Zugangsbedingungen, sowie kreislaufgerechte Hardware. Sie tragen die digitale Nachhaltigkeit und gründen zugleich auf dem Fundament der digitalen Souveränität.

Was jede:r selbst tun kann
Der eingangs erwähnte Brundtland-Bericht ruft zur Verhaltensänderung auf, um eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten zu können. Diese Verhaltensänderung fängt bei jeder und jedem Einzelnen an, damit im Kollektiv Größeres bewirkt werden kann. In Sachen digitaler Nachhaltigkeit kann man beispielsweise auch auf dem eigenen Rechner und Smartphone plattformunabhängige Open-Source-Anwendungen bevorzugt benutzen, oder darauf achten, dass man offene Dateiformate wie das OpenDocument-Format verwendet. Beispiele für Open-Source-Anwendungen sind Firefox oder der noch recht neue Zen Browser zum Surfen im Internet, Thunderbird wäre eine quelloffene Alternative als E-Mail-Programm, oder LibreOffice, das denselben Funktionsumfang wie viele proprietäre Lösungen abdeckt, aber Open Source ist und zudem auch offene Dateiformate nutzt. Und wenn man proprietäre Software verwenden muss – beispielsweise aus beruflichen Gründen – dann könnte man darauf achten, dass die damit erzeugten Dateien in einem offenen Dateiformat erstellt werden, das auch mit anderen, quelloffenen Anwendungen gelesen und bearbeitet werden kann. Auch in Sachen kreislaufgerechter Hardware gibt es Möglichkeiten. Zum Beispiel das Fairphone vom europäischen Smartphone-Hersteller FairPhone B.V. aus den Niederlanden. Und was die eigene digitale Souveränität betrifft, kann man beispielsweise auf selbst gehostete Clouddienste mit Nextcloud setzten, anstelle der Angebote aus dem Silicon Valley.
Fazit
Digitale Nachhaltigkeit bedeutet, sich auf Alternativen einzulassen, um damit die langfristige und generationenübergreifende Nutzung von digitalen Artefakten und digitalem Wissen uneingeschränkt zu ermöglichen. Und so wie beispielsweise beim Klimaschutz fängt auch die digitale Nachhaltigkeit bereits im eigenen Handlungsumfeld an. Natürlich ist mit jeder Änderung des eigenen Verhaltens, der eigenen Gewohnheiten zunächst ein – zumindest gefühlter – Komfortverzicht verbunden, der durch die Umstellung an sich entsteht. Die Vorteile überwiegen jedoch bei weitem, denn die aus der digitalen Nachhaltigkeit resultierenden, positiven Effekte bedeuten auch technologische Unabhängigkeit und digitale Freiheit.
Quellen & Links
- https://de.wikipedia.org/wiki/Brundtland-Bericht
- https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Nachhaltigkeit
- https://parldigi.ch/de/digitale-nachhaltigkeit/
- https://link.springer.com/article/10.1007/s11625-016-0412-2
- https://de.wikipedia.org/wiki/Drei-S%C3%A4ulen-Modell_(Nachhaltigkeit)
- https://de.wikipedia.org/wiki/OpenDocument
- https://de.blog.documentfoundation.org/2025/11/16/die-rolle-von-odf-in-der-digitalen-souveraenitaet-digitale-freiheit/
