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Kreative Ordnung im (digitalen) Zettelkasten

Der Zettelkasten wird oft als Wissensmanagementsystem betrachtet. Niklas Luhmann sah ihn jedoch sogar als einen Kommunikationspartner zur Entwicklung von Ideen. Er war der Überzeugung, dass der Zettelkasten ein bewährtes Werkzeug für das systematische Denken, das kreative Schreiben und Vernetzen von Wissen ist. Aber wie funktioniert die Systematik im Zettelkasten, mit der man eine kreative Ordnung schaffen kann – auch in der digitalen Version mit Obsidian?


Ohne zu schreiben, kann man nicht denken, erklärte der deutsche Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann 1981 in seinem Erfahrungsbericht über die Kommunikation mit Zettelkästen. Einen guten Teil seiner täglichen Arbeit verbrachte Luhmann damit, ein System für seine Notizen, beispielsweise aus der Literatur, aus Konferenzen, oder zu eigenen Ideen aufzubauen und weiterzuentwickeln. Als Grundlage dafür benutzte er einen Zettelkasten, der ihm als Hilfsmittel für die Erstellung seiner wissenschaftlichen Arbeiten diente. Das Grundprinzip ist einfach: Gelesenes oder Gelerntes wird samt den Quellenangaben auf Karteikarten – den so genannten Zetteln – notiert. Diese Karteikarten werden in einem Schubladen- bzw. Katalogkasten einsortiert und geordnet. Um das damit katalogisierte Wissen dauerhaft zu organisieren und kreativ nutzbar zu machen, werden die einzelnen Karteikarten nach einem gewissen Ordnungssystem nummerieret und darüber mittels entsprechender Querverweise und Schlagworte auch untereinander vernetzt, was ein entscheidender Vorteil gegenüber einem linearen Notizbuch ist.

Zettelkastensystematik

Die technische Ausstattung seines Zettelkastens beschreibt Luhmann als hölzernen Kasten mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format. Diese Zettel sollten nur einseitig beschrieben werden, damit man beim Suchen von vorne lesen kann, ohne den Zettel herauszunehmen. Abgesehen davon war es für Luhmann wichtig, dass man sich gegen eine systematische Ordnung nach Themen und Unterthemen und stattdessen für eine feste Stellordnung entscheidet. Ein inhaltliches System, ähnlich dem einer Buchgliederung, lehnte Luhmann zugunsten einer komplett offenen, thematisch nicht begrenzten Form ab, denn eine thematische Spezialisierung muss seiner Meinung nach zu unlösbaren Einordnungsproblemen führen.

Bei der Luhmann’schen Stellordnung erhält jeder Zettel eine Nummer, die gut sichtbar links oben angebracht wird. Diese Nummer definiert den Standort des Zettels, der sich niemals ändert. Dabei betrachtete Luhmann die feststehende Nummerierung als Abstraktion einer inhaltlichen Ordnung, die den Aufbau hoher Komplexität im Zettelkasten ermöglicht. Diese Stellordnung bietet mittels Verzweigungen auf sogenannte Zwischenzettel, Verweisen zu anderen Notizen und einem Register bzw. Stichwortverzeichnis nahezu unendliche Felxibilität und Erweiterbarkeit.

Systematik im Zettelkasten

Luhmann nutzte in seinem Zettelkasten die Verweise, um ohne großen Arbeits- und Papieraufwand das Problem des multiple storage zu lösen, denn so musste er nicht Notizen zu einem Thema mehrfach an den passenden Stellen in Form von Zwischenzettel ablegen, sondern konnte einfach darauf verweisen.

In einer digitalen Version des Zettelkastens mit Obsidian werden Verzweigungen und Verweise mit Links zu anderen Notizen und idealerweise mit einem Kommentar zu ebendiesem Link umgesetzt. Eine Nummerierungssystematik für Notizen macht im digitalen Zettelkasten wenig Sinn und kann eigentlich entfallen. Stattdessen sollte man auf sprechende Dateinamen und Alias-Bezeichnungen für die Notizen setzen.

Notiz-Typen im Zettelkasten

Notizen sind das zentrale Element im Zettelkasten und beheimaten Wissen. Sie sind nichts Lineares, kein Archiv entlang einer Zeitachse. In einem Zettelkasten sind Notizen etwas Vernetztes und etwas, an dem man immer wieder weiter arbeitet, um die Kenntnisse und das Wissen zu vertiefen oder neue Ideen daraus zu entwickeln. Die Qualität der Notizen wird nach Luhmann über das Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System bestimmt. Wird eine Notiz nämlich nicht an dieses Netz angeschlossen, geht sie im Zettelkasten verloren und wird – höchstwahrscheinlich – vergessen, außer sie wird zufällig wieder entdeckt.

Notiz-Typen im Zettelkasten

In einem Zettelkasten gibt es üblicherweise vier Typen von Notizen:

  • Schnellnotizen dienen dem Festhalten von Gedanken, Ideen, Fundstücken aus dem Netz bzw. anderen Recherchequellen, oder ersten Textskizzen. Sie sind meist temporär an einem bestimmten Platz im Zettelkasten abgelegt und werden nach einer gewissen Routine in regelmäßigen Abständen durchgesehen und weiter zu einer Hauptnotiz oder einer Referenznotiz verarbeitet.
  • Referenznotizen sind Notizen zu externen Quellen, wie beispielsweise einem Buch, einer Podcast-Episode oder einem Fachartikel. Die ursprüngliche Idee der Referenznotizen stammt von Niklas Luhmann, der nicht in seine Bücher schreiben oder dort Markierungen anbringen wollte. Er schrieb stattdessen seine Ideen, Kommentare und Gedanken während dem Lesen in Referenznotizen und gab dort jeweils die Seitenzahl im Buch an, wo die kommentierte Stelle zu finden war. Auch die bibliografischen Informationen zum Buch oder Artikel erfasste Luhmann auf den Referenznotizen, üblicherweise auf der Rückseite der Karte.
  • Hauptnotizen werden üblicherweise aus Schnellnotizen erstellt, oder besser gesagt diese zu ebensolchen um- bzw. ausgebaut. Sie beinhalten zumindest eine neue Idee und werden mit anderen Haupt- oder Referenznotizen im Zettelkasten verlinkt. Hauptnotizen müssen nicht perfekt ausformuliert sein, denn es dürfen auch später noch Ergänzungen eingetragen und Links hinzugefügt werden, sobald sich neue Ideen oder neue Erkenntnisse ergeben. Weiters beinhaltet jede Hauptnotiz einen Titel, ein Zitat samt Quellenangabe, den eigentlichen Text der Notiz zur neuen Idee und eine einmalige Nummer. Hauptnotizen dürfen auch wieder aus dem Zettelkasten entfernt werden, wenn man der Meinung ist, dass die Informationen nicht mehr benötigt werden.
  • Strukturnotizen – mitunter auch als Map of Content (MoC) bezeichnet – sind Notizen mit Links zu anderen Notizen über ein bestimmtes Themengebiet. Sie ist im heterarchisch organisierten Zettelkasten somit neben dem Register bzw. Stichwortverzeichnis ein weiteres, strukturgebendes Element. Die Links können in der Strukturnotiz in ihrer Reihenfolge beliebig angeordnet und auch kommentiert werden, um mehr Kontext zu geben und um so die Zusammenhänge besser erkennbar zu machen und die Orientierung zu erleichtern.

Fazit

In meinem Obsidian-Vault nutze ich die meisten der hier erwähnten Elemente eines Zettelkastens, um Struktur und Ordnung im kreativen Chaos zu halten. Während Links – also Verweise und Verzweigungen – in Obsidian mit der eingebauten Funktionalität unkompliziert erstellt werden können, muss man sich bei der Art der Notizen schon eher Gedanken über eine Systematik machen. In meinem Vault habe ich das über die Dateieigenschaft typ abgebildet und ordne dort jede Notiz einer der vier Notiztypen zu. Selbst ein Register pflege ich als Strukturnotiz in Form eines Index manuell – wenn auch eher sporadisch und ziemlich inkonsequent im Rahmen der monatlichen Wartungsarbeiten im Vault.

Quellen & Links

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